Runner’s High erklärt: Was Marathonläufe mit unserem körpereigenen Cannabis-System machen

Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist – oder zumindest davon gehört hat – kennt den Begriff „Runner’s High“: dieses seltsame Hochgefühl, das manche Läuferinnen und Läufer nach vielen Kilometern überkommt. Lange wurde vermutet, dass körpereigene Cannabinoide dafür verantwortlich sind. Eine im September 2026 im Fachjournal BMC Medicine veröffentlichte Studie hat dieses Phänomen jetzt so genau untersucht wie kaum eine zuvor – direkt bei echten Marathon- und Ultramarathonläufen. Die Ergebnisse zeigen ein überraschend klares Bild davon, wie unser Körper unter Dauerbelastung mit seinem eigenen Endocannabinoid-System arbeitet.

Das Endocannabinoid-System: unser körpereigenes Pendant

Wer sich mit Cannabis beschäftigt, hat den Begriff sicher schon gehört: Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen, das jeder Mensch von Natur aus besitzt – unabhängig davon, ob er je Cannabis konsumiert. Es reguliert unter anderem Stimmung, Schmerzempfinden, Stress und Entzündungsprozesse. Zwei der wichtigsten körpereigenen Botenstoffe darin heissen Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG). Sie docken an dieselben Rezeptoren an, auf die auch Cannabinoide aus der Cannabispflanze wirken – deshalb interessiert sich die Forschung schon länger dafür, was diese körpereigenen Stoffe unter Belastung tun.

Bisherige Studien zu diesem Thema hatten allerdings eine Lücke: Sie untersuchten fast ausschliesslich kurze Belastungen von unter einer Stunde. Was bei stundenlangen Läufen passiert, war bislang kaum erforscht.

Zwei Studien, echte Läufe

Genau hier setzt die neue Untersuchung an. Ein internationales Forschungsteam hat zwei Feldstudien durchgeführt – nicht im Labor, sondern bei echten Wettkämpfen:

Studie 1 – Der Marathon: 19 trainierte Läuferinnen und Läufer (Durchschnittsalter 46 Jahre) absolvierten einen Marathon über drei 14-km-Runden rund um den Baldeneysee. Zum Vergleich legte dieselbe Gruppe an einem anderen Tag dieselbe Zeit gehend zurück. Vor dem Start, nach jeder Runde, direkt im Ziel und nochmals 45 Minuten später wurde den Teilnehmenden Blut abgenommen.

Studie 2 – Der Ultramarathon: 36 Läuferinnen und Läufer (Durchschnittsalter 50 Jahre) nahmen an der TorTour de Ruhr® 2024 teil, über Distanzen von 100, 160 oder sogar 230 Kilometern. Auch hier wurden Blutproben vor und nach dem Rennen ausgewertet, ergänzt durch Befragungen zu Euphorie, Angst und Schmerzempfinden.

Was die Forschenden gefunden haben

Die zentralen Ergebnisse lassen sich einfach zusammenfassen:

Anandamid steigt deutlich an – und bleibt hoch. Beim Marathon stieg der AEA-Spiegel im Blut kontinuierlich während des Laufs an und blieb selbst 45 Minuten nach dem Zieleinlauf noch erhöht. Beim Gehen war dieser Effekt deutlich schwächer ausgeprägt.

2-AG folgt einem anderen Muster. Dieser zweite wichtige Botenstoff stieg vor allem in der späteren Laufphase und in der Erholungsphase danach an – ein sogenannter zweiphasiger Verlauf.

Intensität scheint wichtiger als Dauer. Interessanterweise fielen die Anstiege beim (kürzeren, aber intensiveren) Marathon stärker aus als beim (deutlich längeren, aber gemächlicheren) Ultramarathon. Das deutet darauf hin, dass nicht allein die Streckenlänge zählt, sondern vor allem das Lauftempo beziehungsweise die Belastungsintensität.

Die Psyche spielt mit. Marathonläuferinnen und -läufer berichteten während des Laufs von mehr Euphorie und weniger Angst als beim Gehen – auch wenn der Schmerz ab Kilometer 28 spürbar zunahm. Bemerkenswert: Nur 3 von 19 Teilnehmenden gaben an, während des Marathons tatsächlich einen „Runner’s High“ erlebt zu haben. Bei den Ultramarathonläufern war es umgekehrt: Dort berichteten 12 von 31 Personen von diesem Hochgefühl, während die Angst nach dem Zieleinlauf deutlich abnahm.

Keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern. Sowohl beim Marathon als auch beim Ultramarathon fanden sich zu Beginn keine Unterschiede in den Ausgangswerten zwischen Frauen und Männern.

Was bedeutet das?

Die Studie liefert einen der bislang solidesten Belege dafür, dass unser körpereigenes Endocannabinoid-System bei lang andauernder Ausdauerbelastung tatsächlich aktiv mitspielt – und zwar länger, als bisher angenommen. Die Autorinnen und Autoren vermuten sogar, dass die erhöhten Werte auch nach dem Lauf noch eine Rolle spielen könnten, etwa bei der Erholung und beim Abschalten des Körpers nach der Anstrengung.

Für alle, die sich für das Endocannabinoid-System interessieren, ist das ein weiteres spannendes Puzzlestück: Es zeigt einmal mehr, wie fein abgestimmt und vielseitig dieses körpereigene System ist – weit über den Bezug zu Cannabis hinaus. Es reguliert offenbar auch, wie wir auf körperliche Ausdauerleistung reagieren.

Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und dient ausschliesslich der allgemeinen Information. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ist nicht als Aussage über die Wirkung von Cannabis oder Cannabisprodukten zu verstehen.

Quelle: Siebers, M., Huvermann, D., Siebers, C. et al. „Endocannabinoid dynamics across marathon and ultramarathon running: evidence from two field studies.“ BMC Medicine 24, 469 (2026). https://doi.org/10.1186/s12916-026-05186-z