
Gelb leuchtend prägt er unsere Wiesen: der Löwenzahn. Während die einen im Löwenzahn ein lästiges Unkraut sehen, entdecken Forschende in ihm eine nachhaltige Quelle für die Industrie. Dank moderner Genom-Editierung könnte die bescheidene Pflanze bald Gummi für Kondome, Handschuhe und Reifen liefern – direkt vor unserer Haustür.
Der Löwenzahn ist ein wahrer Überlebenskünstler. In der Landwirtschaft ist er jedoch umstritten. Landwirt Daniel Tschannen, der in Illighausen einen Ackerbau- und Futterbetrieb führt, sieht die Pflanze kritisch. Gegenüber dem «Tagblatt» erklärt er: «Wenn viel Löwenzahn auf der Wiese ist, habe ich weniger Futter für meine Tiere, weil das Kraut zerbröselt.» Da der Löwenzahn sehr hartnäckig ist und andere Pflanzenarten verdrängt, kann er die Artenvielfalt auf produktiven Flächen bedrohen.
Ganz anders sieht es für Insekten aus. Für Bienen und Hummeln ist der Löwenzahn ein Segen. Dank seiner reichlichen Pollen und der langen Blütezeit dient er als eine der wichtigsten frühen Nahrungsquellen im Jahr.
Die Wurzel als Gummi-Lieferant
Hinter der gelben Blüte verbirgt sich jedoch noch ein ganz anderes Potenzial: Der weisse Milchsaft in den Wurzeln ist mit begehrtem «Naturgummi» ausgestattet. Seit über 100 Jahren versuchen Forschende, diesen Schatz nutzbar zu machen. Bisher stammte fast der gesamte weltweite Naturkautschuk vom Kautschukbaum (Hevea brasiliensis), der im Amazonas- und Guianas-Becken (Brasilien) beheimatet ist. Heute erfolgt der Anbau hauptsächlich in Südostasien (Malaysia, Thailand, Indonesien), wo der Saft durch Anritzen der Rinde gewonnen wird.
Die Abhängigkeit von diesen fernen Quellen ist riskant: Klimawandel und Krankheiten bedrohen die tropischen Plantagen. Hier kommt der Löwenzahn ins Spiel. Wenn wir den «Alternativ»-Kautschuk lokal gewinnen, erhöhen wir die Versorgungssicherheit und verbessern die Nachhaltigkeit – ein klassischer Fall von «Near Shoring», also der Produktion in der Nähe des Absatzmarktes.
Gentechnik ist längst Alltag
Das Problem bisher war, dass herkömmlicher Löwenzahn zu wenig Gummi produziert, um wirtschaftlich zu sein. Neue Technologien ändern das jetzt. Wie «The Times» berichtet, will das britische Unternehmen QuberTech die Genom-Editierung (wie z.B. die Genschere CRISPR/Cas) nutzen, um gezielt Gene ein- oder auszuschalten. Das Ziel: Grössere Wurzeln und ein zehnmal höherer Ertrag an Kautschuk. Mit den latexhaltigen Wurzeln der Pflanze sollen Alternativen für Neoprenanzüge, Handschuhe oder Kondome hergestellt werden.
Im Gegensatz zur klassischen Gentechnik werden bei dieser Anwendung der Genomeditierung keine artfremden Gene eingefügt. Man beschleunigt lediglich innerhalb des eigenen Genoms den natürlichen Züchtungsprozess. Das ermöglicht es, Löwenzahn effizient in Gewächshäusern anzubauen – vielleicht sogar auf Industriebrachen, ohne wertvolles Ackerland zu beanspruchen.
Es wird Zeit, mit alten Mythen aufzuräumen. Gentechnische Verfahren sind keine Science-Fiction, sondern längst Teil unseres Alltags. Ob bei der Herstellung von Medikamenten (wie Insulin), in Kosmetikprodukten oder bei vielen Lebensmitteln: Die moderne Biotechnologie hilft uns täglich, Ressourcen effizienter zu nutzen und die Umwelt zu schonen.
Wofür wir Naturkautschuk brauchen
Naturkautschuk ist aufgrund seiner Elastizität in vielen Bereichen unverzichtbar:
- Medizin: Medizinalhandschuhe, Insulin-Verschlüsse und Schläuche.
- Schutz: Kondome und Latexhandschuhe.
- Mobilität: Reifen für Autos, Flugzeuge und LKW.
- Lifestyle: Schuhsohlen (Sneaker) und nachhaltige Mode.
- Kosmetik: Inhaltsstoffe für Pflegeprodukte und Klebstoffe für Pflaster.
Quelle: https://swiss-food.ch/
