{"id":284,"date":"2026-09-15T14:36:24","date_gmt":"2026-09-15T12:36:24","guid":{"rendered":"https:\/\/holos.ch\/blog\/?p=284"},"modified":"2026-09-15T14:36:24","modified_gmt":"2026-09-15T12:36:24","slug":"runners-high-erklaert-was-marathonlaeufe-mit-unserem-koerpereigenen-cannabis-system-machen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holos.ch\/blog\/runners-high-erklaert-was-marathonlaeufe-mit-unserem-koerpereigenen-cannabis-system-machen\/","title":{"rendered":"Runner&#8217;s High erkl\u00e4rt: Was Marathonl\u00e4ufe mit unserem k\u00f6rpereigenen Cannabis-System machen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist \u2013 oder zumindest davon geh\u00f6rt hat \u2013 kennt den Begriff &#8222;Runner&#8217;s High&#8220;: dieses seltsame Hochgef\u00fchl, das manche L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer nach vielen Kilometern \u00fcberkommt. Lange wurde vermutet, dass k\u00f6rpereigene Cannabinoide daf\u00fcr verantwortlich sind. Eine im September 2026 im Fachjournal <em>BMC Medicine<\/em> ver\u00f6ffentlichte Studie hat dieses Ph\u00e4nomen jetzt so genau untersucht wie kaum eine zuvor \u2013 direkt bei echten Marathon- und Ultramarathonl\u00e4ufen. Die Ergebnisse zeigen ein \u00fcberraschend klares Bild davon, wie unser K\u00f6rper unter Dauerbelastung mit seinem eigenen Endocannabinoid-System arbeitet.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Das Endocannabinoid-System: unser k\u00f6rpereigenes Pendant<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Wer sich mit Cannabis besch\u00e4ftigt, hat den Begriff sicher schon geh\u00f6rt: Das Endocannabinoid-System (ECS) ist ein Netzwerk aus Rezeptoren und Botenstoffen, das jeder Mensch von Natur aus besitzt \u2013 unabh\u00e4ngig davon, ob er je Cannabis konsumiert. Es reguliert unter anderem Stimmung, Schmerzempfinden, Stress und Entz\u00fcndungsprozesse. Zwei der wichtigsten k\u00f6rpereigenen Botenstoffe darin heissen Anandamid (AEA) und 2-Arachidonoylglycerol (2-AG). Sie docken an dieselben Rezeptoren an, auf die auch Cannabinoide aus der Cannabispflanze wirken \u2013 deshalb interessiert sich die Forschung schon l\u00e4nger daf\u00fcr, was diese k\u00f6rpereigenen Stoffe unter Belastung tun.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bisherige Studien zu diesem Thema hatten allerdings eine L\u00fccke: Sie untersuchten fast ausschliesslich kurze Belastungen von unter einer Stunde. Was bei stundenlangen L\u00e4ufen passiert, war bislang kaum erforscht.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Zwei Studien, echte L\u00e4ufe<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Genau hier setzt die neue Untersuchung an. Ein internationales Forschungsteam hat zwei Feldstudien durchgef\u00fchrt \u2013 nicht im Labor, sondern bei echten Wettk\u00e4mpfen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Studie 1 \u2013 Der Marathon:<\/strong> 19 trainierte L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer (Durchschnittsalter 46 Jahre) absolvierten einen Marathon \u00fcber drei 14-km-Runden rund um den Baldeneysee. Zum Vergleich legte dieselbe Gruppe an einem anderen Tag dieselbe Zeit gehend zur\u00fcck. Vor dem Start, nach jeder Runde, direkt im Ziel und nochmals 45 Minuten sp\u00e4ter wurde den Teilnehmenden Blut abgenommen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Studie 2 \u2013 Der Ultramarathon:<\/strong> 36 L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer (Durchschnittsalter 50 Jahre) nahmen an der TorTour de Ruhr\u00ae 2024 teil, \u00fcber Distanzen von 100, 160 oder sogar 230 Kilometern. Auch hier wurden Blutproben vor und nach dem Rennen ausgewertet, erg\u00e4nzt durch Befragungen zu Euphorie, Angst und Schmerzempfinden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Forschenden gefunden haben<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die zentralen Ergebnisse lassen sich einfach zusammenfassen:<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Anandamid steigt deutlich an \u2013 und bleibt hoch.<\/strong> Beim Marathon stieg der AEA-Spiegel im Blut kontinuierlich w\u00e4hrend des Laufs an und blieb selbst 45 Minuten nach dem Zieleinlauf noch erh\u00f6ht. Beim Gehen war dieser Effekt deutlich schw\u00e4cher ausgepr\u00e4gt.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>2-AG folgt einem anderen Muster.<\/strong> Dieser zweite wichtige Botenstoff stieg vor allem in der sp\u00e4teren Laufphase und in der Erholungsphase danach an \u2013 ein sogenannter zweiphasiger Verlauf.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Intensit\u00e4t scheint wichtiger als Dauer.<\/strong> Interessanterweise fielen die Anstiege beim (k\u00fcrzeren, aber intensiveren) Marathon st\u00e4rker aus als beim (deutlich l\u00e4ngeren, aber gem\u00e4chlicheren) Ultramarathon. Das deutet darauf hin, dass nicht allein die Streckenl\u00e4nge z\u00e4hlt, sondern vor allem das Lauftempo beziehungsweise die Belastungsintensit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Die Psyche spielt mit.<\/strong> Marathonl\u00e4uferinnen und -l\u00e4ufer berichteten w\u00e4hrend des Laufs von mehr Euphorie und weniger Angst als beim Gehen \u2013 auch wenn der Schmerz ab Kilometer 28 sp\u00fcrbar zunahm. Bemerkenswert: Nur 3 von 19 Teilnehmenden gaben an, w\u00e4hrend des Marathons tats\u00e4chlich einen &#8222;Runner&#8217;s High&#8220; erlebt zu haben. Bei den Ultramarathonl\u00e4ufern war es umgekehrt: Dort berichteten 12 von 31 Personen von diesem Hochgef\u00fchl, w\u00e4hrend die Angst nach dem Zieleinlauf deutlich abnahm.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern.<\/strong> Sowohl beim Marathon als auch beim Ultramarathon fanden sich zu Beginn keine Unterschiede in den Ausgangswerten zwischen Frauen und M\u00e4nnern.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was bedeutet das?<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie liefert einen der bislang solidesten Belege daf\u00fcr, dass unser k\u00f6rpereigenes Endocannabinoid-System bei lang andauernder Ausdauerbelastung tats\u00e4chlich aktiv mitspielt \u2013 und zwar l\u00e4nger, als bisher angenommen. Die Autorinnen und Autoren vermuten sogar, dass die erh\u00f6hten Werte auch nach dem Lauf noch eine Rolle spielen k\u00f6nnten, etwa bei der Erholung und beim Abschalten des K\u00f6rpers nach der Anstrengung.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr alle, die sich f\u00fcr das Endocannabinoid-System interessieren, ist das ein weiteres spannendes Puzzlest\u00fcck: Es zeigt einmal mehr, wie fein abgestimmt und vielseitig dieses k\u00f6rpereigene System ist \u2013 weit \u00fcber den Bezug zu Cannabis hinaus. Es reguliert offenbar auch, wie wir auf k\u00f6rperliche Ausdauerleistung reagieren.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Wichtiger Hinweis: Dieser Beitrag fasst wissenschaftliche Forschungsergebnisse zusammen und dient ausschliesslich der allgemeinen Information. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ist nicht als Aussage \u00fcber die Wirkung von Cannabis oder Cannabisprodukten zu verstehen.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><strong>Quelle:<\/strong> Siebers, M., Huvermann, D., Siebers, C. et al. &#8222;Endocannabinoid dynamics across marathon and ultramarathon running: evidence from two field studies.&#8220; <em>BMC Medicine<\/em> 24, 469 (2026). <a href=\"https:\/\/link.springer.com\/article\/10.1186\/s12916-026-05186-z\">https:\/\/doi.org\/10.1186\/s12916-026-05186-z<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wer schon einmal einen Marathon gelaufen ist \u2013 oder zumindest davon geh\u00f6rt hat \u2013 kennt den Begriff &#8222;Runner&#8217;s High&#8220;: dieses seltsame Hochgef\u00fchl, das manche L\u00e4uferinnen und L\u00e4ufer nach vielen Kilometern \u00fcberkommt. Lange wurde vermutet, dass k\u00f6rpereigene Cannabinoide daf\u00fcr verantwortlich sind. 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