{"id":279,"date":"2026-09-07T13:18:43","date_gmt":"2026-09-07T11:18:43","guid":{"rendered":"https:\/\/holos.ch\/blog\/?p=279"},"modified":"2026-09-07T13:18:43","modified_gmt":"2026-09-07T11:18:43","slug":"abwehr-mit-tradition-wie-pflanzen-schon-vor-400-millionen-jahren-lernten-sich-zu-schuetzen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holos.ch\/blog\/abwehr-mit-tradition-wie-pflanzen-schon-vor-400-millionen-jahren-lernten-sich-zu-schuetzen\/","title":{"rendered":"Abwehr mit Tradition: Wie Pflanzen schon vor 400 Millionen Jahren lernten, sich zu sch\u00fctzen"},"content":{"rendered":"\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Jeder erfahrene Grower weiss: Pflanzen sind alles andere als wehrlos. Trichome, Harze, Bitterstoffe \u2013 die Natur hat im Lauf der Evolution unz\u00e4hlige Strategien entwickelt, um Fressfeinde fernzuhalten. Wie alt diese Strategien tats\u00e4chlich sind, zeigt jetzt eine Studie, die im August 2026 im Fachjournal <em>Development<\/em> erschienen ist: Ein zentraler Mechanismus der pflanzlichen Zellorganisation l\u00e4sst sich bis zu den fr\u00fchesten Landpflanzen zur\u00fcckverfolgen \u2013 rund 400 Millionen Jahre.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Ordnungsprinzip mit vielen Anwendungen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Im Zentrum der Studie steht ein Entwicklungsprinzip namens laterale Hemmung. Dahinter steckt eine einfache Idee: Eine Zelle &#8222;informiert&#8220; ihre direkten Nachbarn dar\u00fcber, dass sie sich bereits auf einen bestimmten Zelltyp festgelegt hat, und unterdr\u00fcckt so, dass die Nachbarzellen denselben Weg einschlagen. Das Resultat sind regelm\u00e4ssig verteilte Muster unterschiedlicher Zelltypen \u2013 ein Bauprinzip, das man in ganz unterschiedlichen Lebewesen wiederfindet, von Tieren bis zu Pflanzen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Ein internationales Forschungsteam um Josep Mercadal, Postdoktorand in der Arbeitsgruppe von Pau Formosa-Jordan am Max-Planck-Institut f\u00fcr Pflanzenz\u00fcchtungsforschung in K\u00f6ln, wollte wissen, wie weit dieses Prinzip zeitlich zur\u00fcckreicht. Daf\u00fcr kombinierten die Forschenden drei sehr unterschiedliche Methoden: die Untersuchung von Fossilien, den Vergleich mit heute lebenden Arten und mathematische Modellierung.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Die Hauptrolle: \u00d6lk\u00f6rperzellen in Lebermoosen<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Untersucht wurden Lebermoose \u2013 eine der \u00e4ltesten heute noch existierenden Linien der Landpflanzen. Im Fokus standen dabei spezialisierte \u00d6lk\u00f6rperzellen, die bei diesen Pflanzen eine wichtige Funktion in der Abwehr von Pflanzenfressern \u00fcbernehmen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um herauszufinden, wie alt die Anordnung dieser Zellen ist, verglich das Team moderne Lebermoosarten mit aussergew\u00f6hnlich gut erhaltenen Fossilien von <em>Metzgeriothallus sharonae<\/em> \u2013 einer der fr\u00fchesten bekannten Lebermoosarten \u00fcberhaupt. In diesen Fossilien treten die entsprechenden Zellen als klar abgrenzbare &#8222;dunkle Zellen&#8220; hervor.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was die Fossilien verraten<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das Ergebnis: Die dunklen Zellen in den 400 Millionen Jahre alten Fossilien sind keineswegs zuf\u00e4llig verteilt, sondern folgen einem regelm\u00e4ssigen, gleichm\u00e4ssig verteilten Muster \u2013 exakt jener Struktur, die f\u00fcr laterale Hemmung typisch ist. F\u00fcr die Forschenden ein starker Hinweis darauf, dass dieser Musterbildungsmechanismus bereits bei einigen der allerersten Landpflanzen aktiv war.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Das ist deshalb bemerkenswert, weil Fossilien normalerweise keine genetischen oder molekularen Spuren konservieren. Wie ein zugrunde liegender Entwicklungsmechanismus vor Jahrhunderten von Jahrmillionen tats\u00e4chlich funktioniert hat, l\u00e4sst sich daher kaum direkt nachweisen \u2013 ein Umstand, der die Erforschung der Evolution solcher Prozesse bislang deutlich erschwert hat.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Von der Zellanordnung zum Computermodell<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Um diese L\u00fccke zu schliessen, griff das Team auf computergest\u00fctzte Modelle zur\u00fcck. Damit liessen sich die r\u00e4umlichen Muster, wie sie im fossilen Gewebe sichtbar sind, rechnerisch nachbilden. Die Modellierung zeigte: Ein vergleichsweise einfacher Mechanismus reicht aus, um das beobachtete Muster zu erkl\u00e4ren \u2013 eine Kombination aus lokaler Aktivierung einzelner Zellen und hemmenden Signalen an die jeweiligen Nachbarzellen.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Bemerkenswert ist, dass exakt dasselbe Prinzip auch die Verteilung der \u00d6lk\u00f6rperzellen bei heute lebenden Lebermoosen wie <em>Marchantia polymorpha<\/em> erkl\u00e4rt. Ein Mechanismus, der \u00fcber hunderte Millionen Jahre hinweg im Grundsatz erhalten geblieben ist.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Was das f\u00fcr die Forschung bedeutet<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Die Studie liefert damit einen neuen methodischen Ansatz: Zellmuster, die in Fossilien erhalten sind, lassen sich gezielt nutzen, um R\u00fcckschl\u00fcsse auf die dahinterliegenden Entwicklungsmechanismen zu ziehen \u2013 selbst wenn keinerlei genetisches Material mehr vorhanden ist. F\u00fcr die Erforschung der langfristigen Evolution pflanzlicher Zellspezialisierung er\u00f6ffnet das ganz neue M\u00f6glichkeiten.<\/p>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">Josep Mercadal ordnet die Ergebnisse so ein: Die laterale Hemmung d\u00fcrfte ein tief in der Evolution verwurzelter Mechanismus sein, der die Differenzierung pflanzlicher Zellen bereits seit den fr\u00fchesten Phasen der Landpflanzen-Evolution steuert \u2013 mit direkter Bedeutung f\u00fcr die Entwicklung pflanzlicher Abwehrstrategien gegen Fressfeinde. Die Arbeit zeige zudem beispielhaft, wie sich aus der Kombination von Fossilfunden und moderner Modellierung neue Erkenntnisse \u00fcber die Urspr\u00fcnge fundamentaler biologischer Prozesse gewinnen lassen.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Ein Blick, der sich lohnt<\/h2>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\">F\u00fcr uns als Growshop ist das ein sch\u00f6nes Beispiel daf\u00fcr, wie tief die Abwehrmechanismen von Pflanzen evolution\u00e4r verankert sind \u2013 lange bevor der Mensch \u00fcberhaupt angefangen hat, Pflanzen gezielt zu kultivieren. Wer seine Pflanzen versteht, weiss: Ihre F\u00e4higkeit, sich selbst zu sch\u00fctzen, ist kein Zufallsprodukt, sondern das Ergebnis von hunderten Millionen Jahren Evolution.<\/p>\n\n\n\n<hr class=\"wp-block-separator has-alpha-channel-opacity\"\/>\n\n\n\n<p class=\"wp-block-paragraph\"><em>Quelle: Max-Planck-Institut f\u00fcr Pflanzenz\u00fcchtungsforschung, K\u00f6ln, Pressemitteilung vom 10. August 2026, basierend auf der Studie von Mercadal et al., ver\u00f6ffentlicht im Fachjournal Development.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Jeder erfahrene Grower weiss: Pflanzen sind alles andere als wehrlos. Trichome, Harze, Bitterstoffe \u2013 die Natur hat im Lauf der Evolution unz\u00e4hlige Strategien entwickelt, um Fressfeinde fernzuhalten. 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