{"id":108,"date":"2026-02-23T17:23:51","date_gmt":"2026-02-23T16:23:51","guid":{"rendered":"https:\/\/holos.ch\/blog\/?p=108"},"modified":"2026-02-23T17:23:51","modified_gmt":"2026-02-23T16:23:51","slug":"pestizide-in-gruenen-smoothies","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/holos.ch\/blog\/pestizide-in-gruenen-smoothies\/","title":{"rendered":"Pestizide in gr\u00fcnen Smoothies"},"content":{"rendered":"\n<p>Nach den zahlreichen Rezepten f\u00fcr Weihnachtspl\u00e4tzchen, Festtagsbraten und Cocktails sind jetzt die Tipps f\u00fcrs Abnehmen, Entschlacken und Versch\u00f6nern gesetzt. Das meiste ist blanker Unsinn.<\/p>\n\n\n\n<p>Eine Freundin, die sich gern gesund ern\u00e4hren m\u00f6chte, will im neuen Jahr den Morgen mit einem gr\u00fcnen Powerdrink, Smoothie genannt, beginnen. Sie hat sich daf\u00fcr einen Hochleistungsmixer schenken lassen, der binnen einer Minute Kr\u00e4uter, Gem\u00fcse, ganze Salatk\u00f6pfe und vermutlich auch \u00c4ste in s\u00e4migen Brei verwandeln kann. Die Vorstellung liess ungute Assoziationen bei mir aufkommen: meine Kiefer-Operation (drei Tage Brei aus der Schnabeltasse) und die neuartige Vollwert-Tubennahrung f\u00fcr gesundheitsbewusste, aber eilige Menschen, die in den USA jemand sinnigerweise unter dem Markennamen \u00abSoylent Green\u00bb auf den Markt gebracht hat (f\u00fcr Nicht-Cineasten: Der gleichnamige \u00d6ko-Thriller handelt von synthetischer Nahrung, die aus menschlichen Leichen hergestellt wird).<\/p>\n\n\n\n<p>Aber was mich wirklich aufschreckte, war das mitgeschenkte Rezeptbuch: Es empfiehlt neben Spinatbl\u00e4ttern, Karottengr\u00fcn, Kohl und L\u00f6wenzahn jede Menge Kr\u00e4uter, Laub vom Apfelbaum, Tannennadeln und Obstkerne. All das verheisst wertvolle Spurenelemente und Mineralstoffe, Vitamine und Antioxidantien mit Wunderwirkung, so dass gr\u00fcne Smoothies vor Zellalterung und Krebs sch\u00fctzen, die Haut straffen und den K\u00f6rper reinigen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Die Schimpansendi\u00e4t<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Gr\u00fcne Smoothies wurden 2004 von der selbsternannten Ern\u00e4hrungsexpertin Victoria Boutenko erfunden, die sich an der Di\u00e4t der Schimpansen orientierte. Aufger\u00fcttelt durch Meldungen, dass das Genom der Schimpansen zu 99,4% mit unserem \u00fcbereinstimmt, postulierte sie, dass dann auch die Ern\u00e4hrung zu 99,4% \u00fcbereinstimmen m\u00fcsste. Das tut sie aber nicht: Schimpansen kochen nicht, sie essen jede Menge rohes Gr\u00fcnzeug, der Mensch hingegen ern\u00e4hrt sich von Gekochtem, Fertignahrung und nur wenig Rohkost. Boutenkos Selbstversuch mit der faserigen und bl\u00e4tterreichen Schimpansendi\u00e4t ergab jedoch, dass die wenig bek\u00f6mmlich war. Daher kam sie auf die Idee, das Gr\u00fcnzeug zu verfl\u00fcssigen (dass Schimpansen nicht nur keine Kocht\u00f6pfe, sondern auch keine Mixer benutzen und sehr gerne ungekochte Insekten, noch zappelnde S\u00e4ugetiere und ihren eigenen Kot fressen, hat sie dabei geflissentlich ausgeblendet).<\/p>\n\n\n\n<p>Jedenfalls soll die Schimpansendi\u00e4t jede Menge Vitamine, Mineralstoffe, Aminos\u00e4uren, Enzyme und supergesunde sekund\u00e4re Pflanzenstoffe enthalten \u2013 und nat\u00fcrlich jede Menge Chlorophyll: fl\u00fcssiges Sonnenlicht!<\/p>\n\n\n\n<p>Aber stimmt die Sache auch? Erstens: Es gibt Studien, die Chlorophyll eine Schutzwirkung gegen Krebs bescheinigen, aber wie immer ist es eine Frage der Dosis. Allzuviel Chlorophyll und die antioxidierende Schutzwirkung verkehrt sich ins genaue Gegenteil. Zweitens: Vitamine und Mineralstoffe. Die sind drin, kein Zweifel, aber bei abwechslungsreicher Ern\u00e4hrung droht uns ohnehin kein Mangel. Und auch hier gilt: Zu viele Vitamine sch\u00fctzen nicht vor Krebs, sondern sie bef\u00f6rdern ihn. Die gr\u00f6ssten Bedenken aber sind drittens wegen der Pestizide im Gr\u00fcnzeug anzumelden. Die verleibt man sich mit gr\u00fcnen Smoothies gleich grammweise ein.<\/p>\n\n\n\n<p>\u00abPestizide? Du spinnst!\u00bb, sagte meine Freundin. \u00abIch verwende nur Bio und Bl\u00e4tter aus dem eigenen Garten, garantiert ungespritzt, also komplett pestizidfrei.\u00bb Das sagt auch Greenpeace in seiner Hochglanzbrosch\u00fcre \u00abPestizidfrei essen ist m\u00f6glich\u00bb, es stimmt aber trotzdem ganz und gar nicht. Ungespritzt aus dem Biogarten heisst n\u00e4mlich nicht \u00abfrei von Gift und Pestiziden\u00bb, und diese Giftstoffe kommen nicht da rein, weil irgendwo ein paar Strassen weiter jemand Pflanzenschutzmittel verspr\u00fcht. Die Pflanzen bilden die Pestizide selbst. Wir nehmen bei normaler, abwechslungsreicher Ern\u00e4hrung mit viel Obst und Gem\u00fcse \u2013 egal ob Bio oder konventionell \u2013 t\u00e4glich etwa 1,5 g Pestizide zu uns. 1,5 g entspricht dem Gewicht von 50-60 Reisk\u00f6rnern.<\/p>\n\n\n\n<p>Pflanzen, die Pestizide bilden? Ganz genau. Die \u00absekund\u00e4ren Pflanzenstoffe\u00bb, von denen man angeblich nicht genug haben kann, sind Pestizide. B\u00e4ume, Str\u00e4ucher und Kr\u00e4uter haben n\u00e4mlich in ihrem anscheinend so stillen, friedvollen Leben einen ganzen Haufen Probleme. Zum Beispiel k\u00f6nnen sie nicht weglaufen. Sie k\u00f6nnen sich nicht einmal kratzen. Dabei konkurrieren sie aber heftig mit ihren Nachbarn um Licht, Wasser und Nahrung und sind st\u00e4ndig Fressattacken von Bakterien, Pilzen und Insekten, aber auch wesentlich gr\u00f6sseren Tieren ausgesetzt.<\/p>\n\n\n\n<p>Pflanzen haben sich deswegen komplett auf chemische Kriegsf\u00fchrung verlegt. W\u00e4hrend wir auf der Bank sitzen, bet\u00f6renden Blumen- und w\u00fcrzigen Kr\u00e4uterduft einatmen und uns an dem beruhigenden Gr\u00fcn erfreuen, sind wir in Wirklichkeit Zeugen eines stummen Gemetzels. Die Blumen, Kr\u00e4uter, Str\u00e4ucher und B\u00e4ume in unserem Garten sind best\u00e4ndig dabei, Giftstoffe herzustellen. Sie bilden Substanzen, die ihren Nachbarn das Leben verg\u00e4llen und deren Wurzeln abt\u00f6ten, sie produzieren Antibiotika gegen Pilze und Bakterien, Botenstoffe, um ihresgleichen zu warnen und jede Menge weiterer Chemikalien: Bitterstoffe, um Fressfeinde abzuschrecken, hormon\u00e4hnliche Substanzen, die die Fortpflanzung ihrer Feinde durcheinander bringen, scharfkantige Kristalle, die Raupen verletzen und Giftstoffe, die Weidevieh t\u00f6ten.<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Chemikalien nennt man landl\u00e4ufig Pestizide, das bedeutet: Gifte gegen \u00abpests\u00bb, d.h. Sch\u00e4dlinge. Aus der Sicht der Pflanzen geh\u00f6ren wir Menschen dazu. So ist es denn auch kein Wunder, dass zahlreiche Inhaltsstoffe von Kr\u00e4utern, Obst und Gem\u00fcse auch f\u00fcr uns Menschen sch\u00e4dlich sind: zu viel Tofu, und die hormonell wirksamen Bestandteile der Sojabohne bringen unsere Fortpflanzung durcheinander; ihr hoher Calciumgehalt f\u00fchrt zu Nierensteinen. Das Gr\u00fcn der Kartoffel oder der Tomate kann uns umbringen, rohe gr\u00fcne Bohnen ebenfalls. Vor einem Jahr starb in S\u00fcddeutschland ein Mann qualvoll an den Bitterstoffen von selbstgezogenen Zucchinis. Die \u00abreinigten\u00bb seinen K\u00f6rper so gr\u00fcndlich wie \u00abAbflussfrei\u00bb die Toilette \u2013 am Ende war keine Schleimhaut mehr \u00fcbrig. Hineingeraten waren sie auf ganz nat\u00fcrliche Weise: Zucchinis, die man aus Samen vom Samenh\u00e4ndler zieht, sind garantiert frei von Bitterstoffen, aber wenn man sie selbst vermehrt, werden diese Pestizide rasch eingekreuzt und die Zucchini werden wieder, was sie von Natur aus sind: Giftpflanzen, die mit Bitterstoffen daf\u00fcr sorgen, dass sie nicht gefressen werden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Und was ist mit Smoothies?<\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Popul\u00e4re Inhaltsstoffe sind Spinat, Gr\u00fcnkohl, Mangold und Rucola. Manche Rezepte empfehlen auch Aloe vera, Lindenbl\u00e4tter und alle m\u00f6glichen Wildkr\u00e4uter, von Sauerampfer, Vogelmiere und L\u00f6wenzahn bis Sushni, Gotu Kola oder Mukunu-Wenna. Auch Avocado-, Apfel- und Aprikosenkerne werden empfohlen, desgleichen Tannennadeln (Achtung, Weihnachtsb\u00e4ume nicht entsorgen, sondern verzehren!).<\/p>\n\n\n\n<p>Die ersten drei sind f\u00fcr ihren hohen Gehalt an Oxals\u00e4ure bekannt, das sich aber auch in Petersilie, Roter Beete, Sauerampfer und Rhabarber befindet. Beim Spinat enthalten die ganz jungen und die sehr alten Bl\u00e4tter die meiste Oxals\u00e4ure. Pflanzen bilden sie, um \u00fcbersch\u00fcssiges Calcium loszuwerden. Das tut Oxals\u00e4ure auch im K\u00f6rper. Als Calciumr\u00e4uber entzieht sie dem Stoffwechsel das f\u00fcr den Knochen- und Zahnaufbau wichtige Calcium und bildet unl\u00f6sliches Calciumoxalat. Wird Oxals\u00e4ure t\u00e4glich in gr\u00f6sseren Mengen genossen, lagert sich das Oxalat in Form von Gries oder Steinen in den Nieren ab.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht umsonst werden Kohl, Spinat und Mangold in Omas Kochbuch immer nur gekocht \u2013 Erhitzen reduziert den Oxals\u00e4uregehalt deutlich. Oxals\u00e4ure ist aber noch nicht alles. Apfelbl\u00e4tter enthalten Alkaloide mit den exotischen Namen Phloridzin, Sieboldin and Trilobatin, die als potente Antibiotika wirken. Es stimmt, dass Antibiotika die Gesundheit erhalten (bei Infektionen z. B.), aber niemand sollte Arzneimittel einfach mal so zum Fr\u00fchst\u00fcck essen und schon gar keine niedrig dosierten Antibiotika. Erster Leidtragender w\u00e4re die Darmflora, erster Gewinner die Krankheitserreger, die jede Chance nutzen, neue Antibiotikaresistenzen zu erwerben. Dass die gr\u00fcnen Bl\u00e4tter von M\u00f6hren ebenfalls Alkaloide enthalten, ist unumstritten \u2013 widerspr\u00fcchliche Angaben gibt es hingegen zu deren Wirkung. W\u00e4hrend zahlreiche Rezepte Pesto aus M\u00f6hrengr\u00fcn empfehlen, warnen andere davor und empfehlen, zumindest dann auf M\u00f6hrenkraut zu verzichten, wenn es bitter schmeckt. L\u00f6wenzahn ist schwach giftig, die Milch etwas st\u00e4rker. Sie kann \u00fcberdies allergische Reaktionen hervorrufen. Obstkerne enthalten Blaus\u00e4ure und Tannennadeln die Terpene Limonen und Pinen sowie deren Zerfallsprodukte Isopren und Formaldehyd, vor denen Greenpeace warnt, wenn sie aus neuen M\u00f6beln ausgasen.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Faustregel gilt: Bitterstoffe sind pflanzliche Pestizide und weisen immer darauf hin, dass ein Nahrungsmittel potenziell sch\u00e4dlich ist. Wie immer ist alles eine Frage der Dosis.<\/p>\n\n\n\n<p>Nahrungsmittel, die den K\u00f6rper reinigen oder entschlacken, sind \u00fcbrigens barer Unsinn, weil sich im K\u00f6rper keine Schlacken und Abf\u00e4lle ablagern, weder im Blut noch in den Geweben, Zellen oder im Darm. Unser K\u00f6rper besitzt sehr effiziente Mechanismen, Abfallstoffe zu beseitigen und ihre Reste auszuscheiden, als Urin, Kot oder mit der Atemluft. Ausnahme sind Plaques in den Blutgef\u00e4\u00dfen sowie Nieren- und Gallensteine. Die werden aber auch durch keinen gr\u00fcnen Smoothie aufgel\u00f6st.<\/p>\n\n\n\n<p>Kommen wir noch zu den Antioxidantien (das Chlorophyll und viele Vitamine z\u00e4hlen dazu): Sie gelten als \u00abKrebsvorsorge zum Essen\u00bb, weil sie aggressive Radikale abfangen. Das klingt einleuchtend, aber zahlreiche Studien ergaben, dass auch hier allzuviel ungesund ist. Der Grund: Unser K\u00f6rper braucht freie Radikale. Er steuert damit Stoffwechselprozesse in der Zelle und setzt sie zur Immunabwehr ein, d.h., um Krankheitserreger und Krebszellen zu eliminieren. Wer diese nat\u00fcrlichen Prozesse durch ein \u00dcbermass an Antioxidantien blockiert, schadet seiner Leistungsf\u00e4higkeit und seinem Immunsystem.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Fazit<\/strong>: Gegen gelegentliche Smoothies mit gr\u00fcnen Pflanzenteilen ist nichts einzuwenden, aber wer t\u00e4glich Bl\u00e4tter zu sich nimmt, die nicht extra f\u00fcr den menschlichen Rohverzehr gez\u00fcchtet sind, bekommt wahrscheinlich Nierensteine, erlebt \u2013 je nach Dosis, Blatt und St\u00e4ngel \u2013 Einbussen bei Leistungsf\u00e4higkeit und Immunabwehr und handelt sich Magen- und Darmbeschwerden sowie Leberprobleme ein.<\/p>\n\n\n\n<p>Wenn es morgens unbedingt Fl\u00fcssignahrung sein muss: Unbedenklich ist alles Obst und Gem\u00fcse, das f\u00fcr den menschlichen Rohverzehr gez\u00fcchtet ist. Gelegentlich kann man oxals\u00e4urehaltige Pflanzen wie Spinat, Kohl, Mangold, Sauerampfer roh zu sich nehmen. Die Finger lassen sollte man von Bl\u00e4ttern und Nadeln von B\u00e4umen und Str\u00e4uchern, denn deren Inhaltsstoffe sind oft nicht gut bekannt oder untersucht. Auf keinen Fall geh\u00f6ren in den Fr\u00fchst\u00fccksdrink Kartoffel-, Tomaten- oder Auberginengr\u00fcn, Eibenzweige, Rhabarberbl\u00e4tter, gr\u00fcne Bohnen, Jakobskreuzkraut (Achtung, Verwechslungsgefahr mit Rucola!) oder beliebte Gartenpflanzen wie Schierling, Fingerhut, Efeu, Eisenhut, Rittersporn, Hahnenfuss oder Farnkraut (Achtung: Diese Liste ist unvollst\u00e4ndig!).<\/p>\n\n\n\n<p>Wer seiner Gesundheit wirklich etwas Gutes tun will, sollte abwechslungsreich und vielseitig essen, auf Di\u00e4ten verzichten, sich regelm\u00e4ssig bewegen und am besten jeden Monat ein gutes Buch \u00fcber Wissenschaft lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>Quelle: <a href=\"https:\/\/swiss-food.ch\/\">https:\/\/swiss-food.ch\/<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nach den zahlreichen Rezepten f\u00fcr Weihnachtspl\u00e4tzchen, Festtagsbraten und Cocktails sind jetzt die Tipps f\u00fcrs Abnehmen, Entschlacken und Versch\u00f6nern gesetzt. Das meiste ist blanker Unsinn. 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